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Habeck zur Iran-Krise: Diese Energiekrise wird die Elektrifizierung beschleunigen

Beim Sustainable Economy Summit 2026 in Berlin vergleicht Robert Habeck die drei großen Energiekrisen seit 1973. Sein Befund: Die Iran-Krise wird den globalen Hochlauf von Solar, Speichern und Wärmepumpen exponentiell beschleunigen. China sei bereits der größte Gewinner, Europa habe noch eine Chance. Wirtschaftsministerin Reiche plant gleichzeitig, die EEG-Einspeisevergütung zu streichen, während der deutsche PV-Zubau bereits einbricht.

· 10 Min. Lesezeit · Redaktion
Robert Habeck spricht beim Sustainable Economy Summit 2026 in Berlin über Europas Energiezukunft zwischen Klima und Geopolitik
Illustration: KI-generiert

Ein ungewöhnlicher Redner und eine ungewöhnliche Diagnose

Vor rund 450 Wirtschaftsentscheider:innen in der AXICA am Brandenburger Tor steht ein Mann, der vor einem Jahr noch Vize-Kanzler der Bundesrepublik war. Heute arbeitet Dr. Robert Habeck als Senior Analyst am Dänischen Institut für Internationale Studien (DIIS) in Kopenhagen. Er tritt beim Sustainable Economy Summit 2026 als Fachredner auf. Sein Vortragstitel: „Europas Energiezukunft zwischen Klima & Geopolitik”. Im Hintergrund tobt seit Wochen der Iran-Krieg, die Straße von Hormus ist phasenweise blockiert, die Energiepreise in Europa schwanken stark. Habeck verzichtet spontan auf seine vorbereiteten Folien und spricht 41 Minuten frei. Er vergleicht drei Energiekrisen seit 1973. Was nüchtern beginnt, wird zu einer der schärfsten Abrechnungen mit der aktuellen deutschen Energiepolitik. Den Namen seiner Nachfolgerin im Bundeswirtschaftsministerium nennt er kein einziges Mal.

Eine Krise, die alles verändert

Habeck ordnet die aktuelle Lage zwischen zwei historischen Vergleichspunkten ein: die Ölkrise 1973/74 und die russische Gaskrise 2022. Während die Ampelkoalition damals die akute Versorgungslage durch LNG-Importe, neue Lieferketten und das Osterpaket abwendete, sei diesmal nicht eine bilaterale Lieferbeziehung gestört, sondern das Vertrauen in offene Welthandelsmärkte global erschüttert. Die internationale Seeschifffahrt sei blockierbar, die Straße von Hormus bleibe ein dauerhaftes Risiko, und LNG-Lieferungen könnten jederzeit als geopolitische Waffe eingesetzt werden, nicht nur durch Russland oder den Iran, sondern auch durch die USA selbst. „Die Energiekrise jetzt ist eine völlig andere. Das Vertrauen in die Märkte ist tiefgehender erschüttert”, fasst Habeck zusammen. Daraus folgt eine globale Verschiebung: Rund 100 Länder produzieren fossile Energien, aber nur 10 bis 15 sind große Exporteure. Die verbleibenden rund 150 Importeur-Länder, darunter aufstrebende Volkswirtschaften in Südostasien, Afrika und Südamerika, stehen nun vor einer Grundsatzfrage. Wollen sie weiter abhängig sein von einem Markt, dem sie nicht mehr trauen?

Drei Energiekrisen im Vergleich

DimensionÖlkrise 1973Gaskrise 2022Iran-Krise 2026
AuslöserOPEC-EmbargoRusslands Angriff auf UkraineKrieg im Iran, Hormus-Blockade
CharakterKnappheit, Preis-SchockLokale LieferunterbrechungGlobaler Vertrauensverlust
Antwort der IndustrieländerEffizienz, AtomkraftDiversifizierung, LNG-TerminalsElektrifizierung + Erneuerbare
Industriepolitisches ErgebnisKompaktauto, WärmedämmungGas-DiversifizierungSolar/Speicher/Wärmepumpen-Markt

Norwegen hat es vorgemacht, schon in den 70ern

Ein zentrales Beispiel in Habecks Vortrag ist Norwegen, das nach der Ölkrise 1973 einen anderen Weg einschlug. Während Deutschland in dieser Zeit auf Energieeffizienz im Verbrennungsmotor setzte und die globale Autoflotte ihren Verbrauch von rund 20 Litern auf 8,5 Liter pro 100 Kilometer halbierte, begann Norwegen sein Land zu elektrifizieren. „Im Grunde machen die USA das, was die Norweger schon lange gemacht haben. Norwegen, der große Gas- und Öl-exportierende Kontinent in Europa, die uns auch ganz schon gerettet haben in der Energiekrise […] Ich glaube, in Norwegen ist die Zulassungsrate bei Automobilen schon seit 10 Jahren bei 100 Prozent für elektrische Automobile”, sagt Habeck. Die Anekdote, die er zur Wärmepumpe erzählt, bringt den Saal zum Lachen und ist gleichzeitig industriepolitisch aufschlussreich. „Ein norwegischer Kollege, der Wirtschaftsminister, war damals irgendwann mal zu Gast und die erste Frage, die er von den geschätzten Kollegen der Medien bekommen hat, ist: ‘He, was macht man denn mit Norwegen eigentlich mit Wärmepumpen?’ Und er ist vor Lachen fast vom Stuhl gefallen, weil er sagte: ja, seit der Energiekrise der 70er Jahre haben wir das ausgerollt, und es ist wahrscheinlich kälter in Norwegen als bei euch. Was ist das für eine Frage?” Der Punkt: „Norwegen versucht sein Land zu verstromen, um uns dann Öl und Gas zu verkaufen.” Was als Witz klingt, beschreibt eine konsequente Industriepolitik mit Vorlauf von einem halben Jahrhundert. Während Deutschland 2024 bei der Wärmepumpe noch Weltmarktführer war, steht in Chinas aktuellem Fünf-Jahres-Plan, technologische und Marktdominanz bei Wärmepumpen zu erlangen. Habecks unterschwellige Sorge: Auch dieser Markt könnte gehen wie der Solar-Markt vor 20 Jahren.

Elektromobilität: Die Exponentialkurve

Von dem historischen Vergleich springt Habeck in die Gegenwart. In den 70er Jahren bedeutete Energieeffizienz die Halbierung des Verbrauchs in zehn Jahren. Heute sei der technologische Sprung ein anderer: direkte Elektrifizierung statt effizienterer Nutzung von Fossilen. Die globalen Zulassungszahlen sprächen eine eindeutige Sprache. „Wir haben eine exponentielle Steigerung in 5 Jahren von unter 5 auf ungefähr 30 Prozent E-Auto-Anteil. Das bedeutet, dass wir in fünf Jahren nicht 60 Prozent Zulassung haben werden, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach knapp unter 100”, sagt Habeck. Wer eine Exponentialfunktion linear weiterzeichnet, unterschätze die Geschwindigkeit. Es gebe sicher Nischen, Sonderfahrzeuge und Bevölkerungsgruppen, die am Verbrennungsmotor festhielten. Aber der Weltmarkt werde mit der Erfahrung dieser Energiekrise in rasanter Geschwindigkeit Richtung Elektrifizierung kippen.

Globale E-Auto-Zulassungen: die Exponentialkurve

2020   ███░░░░░░░░░░░░░░░░░  ca.  5 %
2022   █████░░░░░░░░░░░░░░░  ca. 13 %
2024   ████████░░░░░░░░░░░░  ca. 22 %
2025   ████████████░░░░░░░░  ca. 30 %
2026   ████████████░░░░░░░░  über 30 % (Prognose)
2030   ███████████████████░  nahe 100 % (Trendverlängerung)

Wer die Energiekrise nur als Preis-Schock liest, verwechselt sie mit den 70er Jahren. Diesmal wandert die Antwort nicht zur effizienteren Verbrennung, sondern zur direkten Elektrifizierung im Verkehr, in der Wärmeversorgung und in der Industrie. Damit verschiebt sich auch die industrielle Wertschöpfung.

China, Amerika, Europa: wer gewinnt die Energiekrise?

Habecks deutlichste Zuspitzung folgt unmittelbar: „China ist im Moment der große Gewinner der Krise im Iran.” Solaranlagen, Batteriespeicher und absehbar auch die digitale Steuerung der Stromsysteme würden in den kommenden Jahren überwiegend aus China kommen. Selbst Länder mit klassischen Fossilstrategien (Habeck nannte Südkorea als Beispiel aus seiner Ministerzeit) kippen jetzt Richtung erneuerbare Energien. Die USA fahren eine Doppelstrategie. „Die Amerikaner erzählen uns zwei Geschichten. Erstens: kauft Gas. Und zweitens: wir nutzen es nicht. Also im Grunde elektrifizieren sie ihr Land, um uns mehr LNG zu verkaufen”, sagt Habeck. Trotz der LNG-Werbetour der Trump-Administration in Europa würden in den blauen Bundesstaaten wie Kalifornien aus Überzeugung und in den roten wie Texas aus ökonomischer Logik massive Mengen Solar, Wind und Geothermie zugebaut. Europa stehe damit zwischen den Polen: rohstoffarm, technologisch noch konkurrenzfähig, aber mit erheblichem Investitionsrückstand. „Deutschland hat noch eine Chance. Europa hat eine Chance, aber sie sollte die Chance auch nicht verspielen”, warnt Habeck. Smart Meter, digitale Steuerungssysteme und die industrielle Vorherrschaft in der Wertschöpfungskette müssten zügig ausgerollt werden. Sonst geht das, was vor 20 Jahren mit der Solarindustrie passierte, jetzt mit Wärmepumpen, Batteriespeichern und Stromnetz-Digitalisierung erneut verloren.

Atomkraft: Alte Antwort auf neue Fragen

Den globalen Atomkraft-Hype, aktuell unter anderem durch SMR-Konzepte (Small Modular Reactors) befeuert, analysiert Habeck nüchtern, nicht ideologisch. Atomkraft werde es global mehr geben, das sei unstrittig. Im Vergleich zum Hochlauf der erneuerbaren Energien spiele sie aber eine begrenzte Rolle: Neue Atomkraftwerke seien teuer, dauerten 10 bis 15 Jahre Bauzeit, und das Uran komme aus den immer gleichen wenigen Förderländern. „Man tauscht quasi die fossile Energieabhängigkeit gegen die Uranabhängigkeit ein”, fasst Habeck zusammen. Hinzu komme ein neues sicherheitspolitisches Argument, das seit der Sprengung von Nord Stream 1 und 2 sowie den russischen Angriffen auf das ukrainische Stromnetz im Raum stehe: Energieinfrastruktur ist Kriegsziel geworden. Daraus folgt eine militär-strategische Logik, die für die Energiewende spricht: „Ein Kraftwerk ist ein vergleichsweise einfach zu treffendes Ziel. Wenn man alle Solaranlagen eines Landes, alle Batteriespeicher eines Landes zerstören will, dann ist das schwieriger.” Dezentralität schlägt Zentralität, nicht aus klima-, sondern aus sicherheitspolitischer Vernunft.

Deutschlands drei Baustellen

Auf die Nachfrage der Moderatorin nach „besonderen deutschen Altlasten” benennt Habeck drei strukturelle Hemmnisse. Erstens den zeitlichen Verzug beim Netzausbau, zweitens einen Investitionsstau, drittens eine gesellschaftliche Lähmung.

Der Netzausbau: Anlagen stehen, Leitungen fehlen

Habeck nutzt einen Fußballvergleich: „Wir haben mit vier zu null Gegentoren angefangen.” Gemeint ist der zeitliche Rückstand beim Ausbau der Nord-Süd-Stromtrassen. Die Ausgangslage war 2011 nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima klar: Die damalige Bundesregierung schaltete acht Atomkraftwerke sofort ab und legte den Ausstieg für die letzten drei AKW auf das Jahr 2023. Mit diesem Datum hätte der Stromtransport von den Nord- und Ostdeutschen Windregionen in die süddeutschen Verbrauchszentren technisch fertig sein müssen. Genau dafür waren die Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungstrassen geplant.

Stattdessen ist die Realität ein massives Timing-Problem: SuedLink, die wichtigste Nord-Süd-Trasse mit 4 Gigawatt Übertragungskapazität (rund 10 Millionen Haushalte), wurde 2017 erstmals offiziell vorgeschlagen und sollte ursprünglich 2022 in Betrieb gehen. Stand Ende 2024 ist die Gesamttrasse erst vollständig genehmigt, der Bau läuft in allen sechs Bundesländern. Die aktuelle Inbetriebnahme: Ende 2028. Der Verzug beträgt rund sechs Jahre. SuedOstLink (2 Gigawatt, 543 Kilometer Erdkabel) sollte planmäßig 2025 fertig sein, die Inbetriebnahme verschiebt sich nun auf 2027/2028. Die Erweiterung SuedOstLink+ (weitere 2 Gigawatt, 713 Kilometer) ist erst für 2030 angekündigt.

Die Kosten dieses Verzugs zahlen alle Stromkund:innen. Wenn Windkraftanlagen im Norden Strom produzieren, der im Süden gebraucht wird, aber die Leitungen fehlen, müssen die Netzbetreiber eingreifen: Im Norden werden Erneuerbare abgeregelt, im Süden fossile Reservekraftwerke hochgefahren. Dieses sogenannte Redispatch-Verfahren kostete laut Bundesnetzagentur 2024 rund 2,78 Milliarden Euro, 2025 rund 3,1 Milliarden Euro. Allein offshore wurden im vierten Quartal 2024 etwa 1,8 Terawattstunden Windstrom abgeregelt. Insgesamt verloren rund 15 bis 20 Terawattstunden Erneuerbaren-Erzeugung jährlich den Weg ins Netz, weil die Übertragungskapazität fehlt. 74 Prozent der Netzengpässe entstehen im Übertragungsnetz, also genau dort, wo SuedLink und SuedOstLink hätten Entlastung schaffen sollen.

Investitionsstau und gesellschaftliche Lähmung

Beim zweiten Punkt sieht Habeck einen Widerspruch: Das Geld sei in großen Mengen verfügbar, fließe aber wegen regulatorischer und psychologischer Bedingungen nicht in die Modernisierung. Sowohl der Staat (begrenzt durch die Schuldenbremse) als auch die Unternehmen (gehemmt durch unsichere Rahmenbedingungen) investieren zu wenig. Die dritte Baustelle ist eine gesellschaftliche Lähmung. Eine „Depression” mache sich breit, Parteien unter Druck verharrten in Kompromissunfähigkeit. Habeck verzichtet auf parteipolitische Zuordnung. Die Beschreibung passt aber präzise auf die aktuelle Lage rund um den EEG-2027-Entwurf.

Während Habeck diese strukturellen Probleme schildert, plant das Bundeswirtschaftsministerium unter Katharina Reiche Maßnahmen, die in jedem der drei Punkte bremsen statt beschleunigen. Der geleakte EEG-2027-Entwurf sieht die Streichung der Einspeisevergütung für neue PV-Dachanlagen bis 25 kW vor. Die Bundesregierung schreibt zudem 10 Gigawatt neue Gaskraftwerksleistung aus, statt vergleichbare Mittel in Langzeit-Batteriespeicher zu lenken. Auch Entschädigungen für abgeregelte Wind- und Solaranlagen sollen wegfallen.

Was unsere MaStR-Daten zeigen

Die Daten des Marktstammdatenregisters belegen den Trend, vor dem Habeck warnt. Stand 26. April 2026:

Kennzahl DeutschlandWert
Installierte PV-Leistung121,88 GW
PV-Zubau letzte 12 Monate16,18 GW
Solaranlagen gesamt5.920.648
Speicherquote (PV mit Speicher)41,2 %
Stationäre Batteriespeicher (Anzahl)2.437.780
Speicherkapazität gesamt27,70 GWh
Speicher-Zubau letzte 12 Monate7,07 GWh
Ø Kapazität pro Speicher11,4 kWh

Im ersten Quartal 2026 ging der Solarzubau in Deutschland trotz der globalen Beschleunigung deutlich zurück: Die EEG-Debatte und die Unsicherheit um die Einspeisevergütung treiben Kaufzurückhaltung. Während andere Länder ihre Hausaufgaben machen, bremst Deutschland sich gerade selbst aus.

Krise als Chance, wenn man sie nutzt

Habecks Gesamtbotschaft ist nicht klimapolitisch, sondern wirtschaftlich-sicherheitspolitisch begründet: Die Transformation kommt sowieso. Die Iran-Krise wirkt als Katalysator, weil sie das Vertrauen in den globalen Fossilmarkt erschüttert hat. Dass der globale Hochlauf von Solar, Wärmepumpen und Batteriespeichern beschleunigt wird, sei für den Klimaschutz eine positive Nachricht. Die offene Frage sei nur, wer davon wirtschaftlich profitiert. China habe sich bereits positioniert. Die USA elektrifizieren leise, während sie laut Gas verkaufen. Norwegen hatte den Vorlauf von einem halben Jahrhundert. Europa habe noch eine Chance, sollte sie aber nicht verspielen.

Quellen

#QuelleLink
1YouTube-Aufzeichnung der Habeck-RedeSustainable Economy Summit: Habeck-Vortrag
2Cleanthinking.de: Zusammenfassung der RedeHabeck-Rede in Berlin: Energiekrise und Geopolitik
3Euronews: Habeck zu Hormus, Atom, Energieeuronews.com
4DIIS: Profil Robert Habeckresearch.diis.dk
5Sustainable Economy Summit: Programm 2026sustainable-economy-summit.org
6Beyond Fossil Fuels: Iran war sparks fossil fuel crisisbeyondfossilfuels.org
7Institut Jacques Delors: Wake-up call for Europeinstitutdelors.eu
8Reuters: Europe’s response to Iran crunchreuters.com
9The European: Habeck als Redner und Think-Tank-Mitarbeitertheeuropean.de
10Tagesspiegel: Reiche kann von Habeck lernentagesspiegel.de
11Solarzubau Deutschland: Geleakter EEG-2027-Entwurfsolarzubau.de/news/eeg-reform-2026/
12Solarzubau Deutschland: PV-Übersichtsolarzubau.de/deutschland/
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