Photovoltaik-Ausrichtung: Warum immer mehr Dächer nicht mehr nach Süden zeigen
Der Anteil neuer Dach-Solaranlagen mit Süd-Ausrichtung ist seit 2010 von 90 auf 66 Prozent gefallen. Eine Auswertung des Marktstammdatenregisters zeigt: Ost, West und sogar Nord holen auf – und warum das wirtschaftlich Sinn ergibt.
Jahrzehntelang galt eine einfache Regel: Eine Photovoltaik-Anlage gehört aufs Süddach. Eine Auswertung des Marktstammdatenregisters (MaStR) zeigt, dass diese Regel zunehmend bröckelt. Von den Aufdach-Anlagen, die 2010 in Betrieb gingen, waren 90,3 Prozent nach Süden ausgerichtet. Bei den 2026 neu installierten Anlagen sind es nur noch 66,4 Prozent – jede dritte neue Dachanlage zeigt heute nicht mehr in Richtung Süden.
Für die Auswertung haben wir alle rund 4 Millionen Gebäude-Solaranlagen im MaStR ausgewertet, die seit 2010 in Betrieb gegangen sind, und nach ihrem Inbetriebnahmejahr und der gemeldeten Hauptausrichtung gruppiert.
Was die Daten zeigen
Der Rückgang verläuft über die Jahre bemerkenswert gleichmäßig. Die südliche Ausrichtung (Südost, Süd, Südwest zusammengefasst) verliert kontinuierlich an Boden, während Ost-West-Lagen und sogar reine Nordausrichtungen zunehmen.
| Inbetriebnahme | Süd-Ausrichtung | Ost / West | Nord |
|---|---|---|---|
| 2010 | 90,3 % | 6,9 % | 0,7 % |
| 2013 | 82,7 % | 10,5 % | 1,4 % |
| 2016 | 79,0 % | 11,4 % | 1,7 % |
| 2019 | 74,9 % | 15,9 % | 2,2 % |
| 2022 | 72,3 % | 14,6 % | 2,6 % |
| 2024 | 68,9 % | 15,8 % | 3,7 % |
| 2026 | 66,4 % | 16,6 % | 5,0 % |
Aufdach-Anlagen (ArtDerSolaranlage = Gebäude), Stand 2026. Die Differenz zu 100 % entfällt auf Anlagen ohne eindeutige Hauptausrichtung – etwa Ost-West-Flachdachsysteme. Quelle: Marktstammdatenregister.
Besonders deutlich wird der Wandel beim Blick auf die reine Süd-Ausrichtung ohne Süd-Ost- und Süd-West-Lagen: Ihr Anteil ist von 44,9 Prozent (2015) auf 37,9 Prozent (2026) gefallen. Reine Ost-Ausrichtungen haben sich im selben Zeitraum von 4,2 auf 7,9 Prozent fast verdoppelt. Der Nord-Anteil – über Jahre eine vernachlässigbare Größe – hat sich von 0,7 Prozent (2010) auf 5,0 Prozent versiebenfacht.
Vom Ertragsmaximum zum Eigenverbrauch
Der Grund für die Verschiebung ist kein Mode-Effekt, sondern eine veränderte Wirtschaftlichkeitslogik.
Wer vor 2012 eine PV-Anlage baute, optimierte auf den maximalen Jahresertrag. Die Einspeisevergütung lag damals deutlich über dem Strompreis – jede erzeugte Kilowattstunde war bares Geld, unabhängig von der Tageszeit. Die Südausrichtung mit ihrer hohen Mittagsspitze war damit konkurrenzlos.
Heute ist das Verhältnis umgekehrt. Die Einspeisevergütung für neue Anlagen liegt bei rund 7,8 ct/kWh, während Haushaltsstrom etwa 37 ct/kWh kostet. Wirtschaftlich zählt deshalb nicht mehr der Jahresertrag, sondern der Eigenverbrauch – und der profitiert von einem anderen Erzeugungsprofil:
- Süd-Dächer liefern eine schmale, hohe Mittagsspitze. Genau dann, wenn die meisten Haushalte wenig Strom brauchen, muss der Überschuss schlecht vergütet ins Netz.
- Ost-West-Dächer liefern einen breiteren Ertrag mit Spitzen am Vormittag und am späten Nachmittag – also dann, wenn morgens und abends tatsächlich Strom verbraucht wird.
Mit Wärmepumpe, Wallbox und Heimspeicher im Haushalt verstärkt sich dieser Effekt: Ein gleichmäßigeres Erzeugungsprofil lässt sich besser selbst nutzen als eine kurze Mittagsspitze.
Hinzu kommt ein zweiter Treiber: Module sind billig geworden. Wo früher das knappe Budget nur für die optimale Süd-Belegung reichte, wird heute oft das gesamte Dach belegt – Ost, West und nachrangige Flächen inklusive. Eine größere Anlage mit etwas geringerem spezifischem Ertrag schlägt eine kleine Anlage in Bestlage, sobald der Eigenverbrauch im Vordergrund steht.
Regionale Unterschiede: Stadtstaaten vorn
Wie stark sich Anlagen von der Südausrichtung lösen, hängt auch von der Region ab. Wertet man nur die in den letzten zwölf Monaten in Betrieb genommenen Dachanlagen aus, zeigt sich ein klares Muster:
| Spitzenreiter Nicht-Süd | Anteil | Geringster Nicht-Süd-Anteil | Anteil |
|---|---|---|---|
| Hamburg | 38,8 % | Mecklenburg-Vorpommern | 29,1 % |
| Berlin | 38,5 % | Sachsen | 29,2 % |
| Bremen | 37,8 % | Thüringen | 29,5 % |
| Nordrhein-Westfalen | 36,0 % | Bayern | 31,0 % |
Anteil neu in Betrieb genommener Aufdach-Anlagen ohne Süd-Ausrichtung, letzte 12 Monate. Quelle: Marktstammdatenregister.
Die drei Stadtstaaten führen das Feld an. Das passt zur baulichen Realität: In dicht bebauten Lagen mit Reihen- und Mehrfamilienhäusern ist das ideal ausgerichtete Süddach oft schlicht nicht verfügbar – oder bereits belegt. Im ländlich geprägten Osten mit vielen freistehenden Einfamilienhäusern bleibt die klassische Süd-Belegung dagegen häufiger die naheliegende Wahl.
Was das für die Anlagenplanung heißt
Für Hauseigentümer bedeutet der Trend vor allem eines: Ein nicht-südliches Dach ist heute kein Ausschlusskriterium mehr. Ost-West-Anlagen erreichen je nach Neigung rund 80 bis 90 Prozent des Süd-Jahresertrags – bei einem Erzeugungsprofil, das für den Eigenverbrauch oft besser passt. Selbst Norddächer können sich bei geringer Neigung und entsprechend großzügiger Modulfläche rechnen, wenn der erzeugte Strom überwiegend selbst genutzt wird.
Wichtiger als die perfekte Himmelsrichtung sind heute drei andere Fragen: Wie hoch ist der Eigenverbrauchsanteil? Passt die Anlagengröße zum Verbrauchsprofil aus Haushalt, Wärmepumpe und E-Auto? Und wird die verfügbare Dachfläche konsequent genutzt? Wer eine Anlage plant, sollte den Vergütungssatz und den erwarteten Eigenverbrauch gemeinsam betrachten – die Ausrichtung allein entscheidet längst nicht mehr.
Häufige Fragen
Lohnt sich eine PV-Anlage auch ohne Süd-Ausrichtung?
In den meisten Fällen ja. Ost-West-Dächer liefern rund 80 bis 90 Prozent des Süd-Jahresertrags, dafür ein gleichmäßigeres Tagesprofil. Da der wirtschaftliche Wert heute am Eigenverbrauch hängt und nicht mehr an der Einspeisevergütung, ist eine nicht-südliche Ausrichtung selten ein K.-o.-Kriterium.
Warum werden überhaupt Norddächer belegt?
Reine Nordausrichtungen bleiben die Ausnahme, ihr Anteil ist aber von 0,7 auf 5,0 Prozent gestiegen. Gründe sind die volle Belegung aller Dachflächen bei niedrigen Modulpreisen, flache Dachneigungen, bei denen der Nord-Nachteil gering ausfällt, sowie Solarpflichten, die eine Belegung unabhängig von der Ausrichtung vorgeben.
Woher stammen die Daten?
Aus dem Marktstammdatenregister (MaStR) der Bundesnetzagentur. Ausgewertet wurden alle Gebäude-Solaranlagen mit Status „in Betrieb”, gruppiert nach Inbetriebnahmejahr und gemeldeter Hauptausrichtung. Die Hauptausrichtung ist eine Angabe der Betreiber bei der Registrierung.
Datengrundlage
Die Auswertung basiert auf dem Gesamtdatenexport des Marktstammdatenregisters mit Stand Mai 2026. Berücksichtigt wurden ausschließlich Aufdach-Anlagen (Gebäudeanlagen) mit Betriebsstatus „in Betrieb” und einem Inbetriebnahmedatum ab 2010. Freiflächenanlagen und steckerfertige Geräte sind nicht enthalten. Die Gruppierung fasst Südost, Süd und Südwest als „Süd-Ausrichtung” zusammen, Ost, West und Ost-West als „Ost / West” sowie Nordost, Nord und Nordwest als „Nord”. Mehr zu unseren Methoden auf der Methodik-Seite.