Mini-Atomreaktoren: Söders SMR-Offensive im Faktencheck – gescheiterte Projekte, explodierende Kosten
Small Modular Reactors sollen Deutschlands Energieprobleme lösen – so Söder und die EU. Die Daten zeigen: NuScale gescheitert, EDF aufgegeben, Darlington 9x teurer. Ein Faktencheck mit allen Zahlen.
Markus Söder will ein Mini-AKW-Pilotprojekt in Bayern. Ursula von der Leyen kündigt 200 Millionen Euro für Small Modular Reactors an, die EU-Kommission beziffert den Investitionsbedarf auf 241 Milliarden Euro bis 2050. Die Atomlobby wittert eine Renaissance. Doch wer auf die Zahlen schaut, findet eine Technologie, die weltweit scheitert – während erneuerbare Energien und Batteriespeicher in Deutschland Rekorde brechen.
Was Söder fordert – und was die Daten sagen
Söder spricht von „Kernenergie 2.0”: Mini-Reaktoren, Kernfusion, Atommüll als Brennstoff. Bayern solle Vorreiter werden. Auf dem EU-Atomgipfel in Paris am 10. März 2026 legte von der Leyen nach: SMR-Einsatzbereitschaft „Anfang der 2030er Jahre”, 200 Millionen Euro Garantien. 15 EU-Staaten gehören inzwischen einem Atomkraft-Bündnis an.
Stand März 2026: Kein einziges SMR-Design hat eine Baugenehmigung in einem EU-Mitgliedstaat. In der gesamten westlichen Welt hat noch kein SMR-Bau begonnen.
Söders Positionswechsel: Vom Atomgegner zum Atomlobbyisten
Als bayerischer Umweltminister forderte Söder 2010 längere AKW-Laufzeiten. Nach Fukushima 2011 drohte er im Kabinett mit Rücktritt, sollte Bayern den schnellen Ausstieg nicht beschließen. Unter CSU-Regierungsbeteiligung wurden 11 von 14 deutschen Atomkraftwerken abgeschaltet.
Ab 2022 forderte er plötzlich Laufzeitverlängerungen. Nach dem Atomausstieg 2023 behauptete er, die Reaktivierung von Isar 2 sei „jederzeit möglich”. Der Betreiber Preussen Elektra erklärte die Anlage für „praktisch nicht reaktivierbar”. Eine Anfrage nach dem Umweltinformationsgesetz durch den Grünen-Abgeordneten Martin Stümpfig ergab: Die von Söder zitierten technischen Experten „existieren schlichtweg nicht”.
Gescheiterte SMR-Projekte: Die globale Bilanz
| Projekt | Geplante Kosten | Reale Kosten | Steigerung | Bauzeit |
|---|---|---|---|---|
| NuScale (USA) | 3 Mrd. $ | 9,3 Mrd. $ | +210 % | abgesagt |
| Darlington BWRX-300 (Kanada) | 0,7 Mrd. $/Einheit | 20,9 Mrd. CAD (4 Einheiten) | x9 | offen |
| Akademik Lomonosov (Russland) | 9 Mrd. RUB (~170 Mio. $) | 37 Mrd. RUB (~740 Mio. $) | +311 % | 12–13 Jahre |
| HTR-PM (China) | 3 Mrd. CNY (~480 Mio. $) | >10 Mrd. CNY (geschätzt) | +300 % | 13 Jahre |
| CAREM (Argentinien) | 450 Mio. $ | unbekannt (85 % fertig, Bau gestoppt) | – | seit 2014 im Bau |
| Flamanville 3 EPR (Frankreich) | 3,3 Mrd. € | 23,7 Mrd. € | +619 % | 17 Jahre |
NuScale (USA): 9,3 Milliarden Dollar für nichts
NuScale Power ist das einzige Unternehmen weltweit mit einer SMR-Designzulassung. Das Vorzeigeprojekt in Utah – sechs Module mit 462 MW – wurde 2023 eingestellt. Die Kosten pro Kilowatt: 21.561 Dollar – teurer als das ohnehin als Kostendesaster geltende Vogtle-Großreaktorprojekt. Trotz 4,2 Milliarden Dollar staatlicher Förderung scheiterte das Projekt.
Die Finanzen 2025: 31,5 Millionen Dollar Umsatz stehen 609,8 Millionen Dollar Verwaltungskosten gegenüber. Pro Dollar Umsatz gibt NuScale 19 Dollar für Verwaltung aus. Finanziert wird das über Aktienverkäufe – allein im vierten Quartal 2025 platzierte das Unternehmen Aktien im Wert von 750 Millionen Dollar.
Darlington (Kanada): Von 700 Millionen auf 20,9 Milliarden
In Kanada, wo Söder funktionierende SMRs verortet, genehmigte Ontario Power Generation im Mai 2025 ein Budget von 20,9 Milliarden CAD für vier BWRX-300-Einheiten. Der Hersteller GE-Hitachi hatte einst 700 Millionen Dollar pro Reaktor versprochen. Die realen Kosten: das Neunfache.
EDF Nuward (Frankreich): Vier Jahre Entwicklung eingestellt
Im Juli 2024 stoppte EDF sein SMR-Projekt Nuward nach vier Jahren. Die Kunden brauchten eine Garantie, dass die Stromgestehungskosten zwischen 70 und 100 Euro pro Megawattstunde liegen. EDF konnte das nicht zusichern. TechniAtome, ein Schlüsselpartner, demobilisierte seine Teams innerhalb von vier Tagen.
Die „funktionierenden” SMRs: Russland und China
Befürworter verweisen auf laufende SMRs. Die Daten dahinter:
- Akademik Lomonosov (Russland): Kapazitätsfaktor 28–32 Prozent, über 300 Prozent Kostensteigerung
- HTR-PM (China): 13 Jahre Bauzeit, Leistung von 200 auf 150 MW reduziert, über 300 Prozent Kostensteigerung
Habeck zerlegt Söders Atomkraft-Argumente
Auf der Internationalen Handwerksmesse München im März 2024 nahm Robert Habeck Söders Atom-Rhetorik Punkt für Punkt auseinander. Seine fast fünfminütige Gegenrede ging viral – „Frankfurter Rundschau”, „Münchner Merkur” und RTL titelten übereinstimmend: Söder wurde mit Fakten zerlegt.
- Söders eigener Ausstieg: „Sie haben damals mit Rücktritt gedroht, wenn der Ausstieg nicht sofort kommt.”
- Bayern will kein Endlager: „Schwierig, wenn man für Atomkraft ist, aber gleichzeitig Bayern das einzige Land ist, das sagt: Nicht bei uns!”
- Frankreich als Vorbild? EDF hat 70 Milliarden Euro Schulden. Hinkley Point C in England: von 21 auf 38 Milliarden Euro explodiert. „Ein Milliardengrab.”
- Import minimal: Französischer Atomstrom macht 0,5 Prozent des deutschen Verbrauchs aus. „Das ist homöopathisch.”
- Fazit: „Ökonomisch geht das alles nicht auf.”
Im Februar 2025 stellte Habeck vier Fragen, die Söder beantworten müsse: „Wo sollen die Dinger stehen? Wo soll das Endlager stehen? Wer soll das bezahlen? Und wann sollen sie da sein? Wenn man diese Fragen nicht beantworten kann, dann ist es eine Phantomdebatte.”
Video-Zusammenfassung: Robert Habeck konfrontiert Markus Söder auf der Internationalen Handwerksmesse München 2024 mit den ökonomischen Realitäten der Atomkraft: EDFs 70 Milliarden Euro Schulden, Hinkley Point C als Milliardengrab, Bayerns Endlager-Blockade und der marginale Anteil französischen Atomstroms am deutschen Mix. Fazit: „Ökonomisch geht das alles nicht auf.”
Atommüll als Brennstoff: 60 Jahre gescheiterter Versuche
Söder spricht von Transmutation – Reaktoren, die Atommüll verwerten. Die Idee existiert seit den 1960er Jahren. Abgebrannte Brennelemente enthalten über 95 Prozent theoretisch nutzbares Material. In der Praxis funktioniert das bisher in einem einzigen Reaktor weltweit: Russlands BN-800.
Die Liste der Fehlschläge:
| Projekt | Land | Ergebnis |
|---|---|---|
| Superphénix | Frankreich | Kapazitätsfaktor unter 7 %, 14 Mrd. $ Gesamtkosten, 1996 stillgelegt |
| Monju | Japan | In 22 Jahren weniger als 12 Monate in Betrieb, 8,5 Mrd. $ Kosten, 2016 Rückbau |
| ASTRID (600 MW) | Frankreich | 735 Mio. € investiert, 2019 abgebrochen |
Das Paradoxon in Söders Argumentation
Eine Stanford/UBC-Studie (2022, veröffentlicht in PNAS) zeigte: Standard-SMRs – genau die, die Söder propagiert – erhöhen das Atommüllvolumen um den Faktor 2 bis 30. Sie sind für Transmutation gar nicht ausgelegt. Söder fordert also Reaktoren, die mehr Atommüll produzieren, und verspricht gleichzeitig, Atommüll als Brennstoff zu nutzen – mit einer Technologie, die das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) als „frühestens in vier bis fünf Jahrzehnten realistisch” einstuft.
Zusätzlich: 40 Prozent des deutschen Atommülls sind für Transmutation gar nicht geeignet. Endlager bleiben in jedem Szenario notwendig – genau das Endlager, das Bayern auf eigenem Territorium ablehnt.
Stromgestehungskosten: SMR vier- bis zehnmal teurer
| Technologie | LCOE (USD/MWh) | Quelle |
|---|---|---|
| Solar PV (global) | 34–43 | IRENA 2024 |
| Onshore Wind (global) | 34–86 | IRENA 2024 |
| Batteriespeicher (4h) | 78 | BloombergNEF 2026 |
| Kernkraft Neubau (USA) | 141–220 | Lazard 2025 |
| SMR (DIW-Simulation) | 213–581 | DIW Berlin 2023 |
Die DIW-Monte-Carlo-Simulation ergibt für SMR-Strom Kosten von 213 bis 581 Dollar pro Megawattstunde – vier- bis zehnmal teurer als Solar und Wind. Seit 2010 ist der Preis von Solarstrom um 90 Prozent gefallen. Kernkraftstrom wurde im gleichen Zeitraum 47 Prozent teurer.
Was man für 9,3 Milliarden Dollar bekommt
| SMR (NuScale Utah) | Solar PV | Onshore Wind | |
|---|---|---|---|
| Kapazität | 462 MW | ~16.000 MW | ~6.000 MW |
| Faktor | 1x | 35x mehr | 13x mehr |
| Bauzeit | abgesagt | 2–3 Jahre | 3–4 Jahre |
| Verfügbar | frühestens 2030er | sofort | sofort |
2024 wurden weltweit 582 GW erneuerbare Kapazität installiert. Der Nettoneubau der Kernkraft: 3,5 GW. Verhältnis über 100 zu 1. Investitionen in Erneuerbare waren 21-mal höher als in Kernkraft. Die Richtung ist längst entschieden.
Unsere MaStR-Auswertung zeigt: Deutschland hat 2025 rund 17,5 GW Photovoltaik zugebaut – in einem einzigen Jahr mehr, als sämtliche SMR-Projekte weltweit zusammen jemals produzieren werden.
„Sonne scheint nicht immer” – das Speicher-Argument
Das häufigste Gegenargument: Erneuerbare liefern keine Grundlast.
Seit dem Atomausstieg: null Blackouts
Deutschland hat am 15. April 2023 die letzten drei AKW abgeschaltet. Seitdem: kein einziger Blackout. Erneuerbare decken 2025 über 55 Prozent der Stromnachfrage.
Dunkelflauten: selten und kurz
| Realität | |
|---|---|
| Häufigkeit | 2–5 pro Jahr (länger als 48 Stunden) |
| Typische Dauer | 2–3 Tage |
| Längste 2025 | 89 Stunden (Februar) |
| Lösung | Gas, Importe, Speicher |
Gleichzeitig gab es 2025 über 573 Stunden mit negativen Strompreisen – Überproduktion aus Erneuerbaren. Das Speicherproblem ist lösbar, das Kostenproblem der Atomkraft nicht.
Batteriespeicher-Boom statt Atom-Fantasie
| Kennzahl | Stand 2025 |
|---|---|
| Gesamtkapazität Deutschland | 25,5 GWh |
| Zubau 2025 | 600.000 Systeme / 6,5 GWh |
| Verfünffachung | in vier Jahren |
| Preis Batteriezellen | von 175 USD/kWh (2020) auf unter 100 USD/kWh |
| Ziel 2030 | 100 GWh |
Am ehemaligen AKW-Standort Gundremmingen in Bayern errichtet RWE den größten Batteriespeicher Deutschlands – 400 MW Leistung, 700 MWh Kapazität, 230 Millionen Euro. Söder war beim Spatenstich dabei. Am selben Standort, dessen Kühltürme im Oktober 2025 vor 30.000 Zuschauern gesprengt wurden, entsteht zusätzlich ein 55-Hektar-Solarpark und ein wasserstofffähiges Gaskraftwerk.
Batterien können keine wochenlange Grundlast – das müssen sie nicht. Dunkelflauten dauern Tage, nicht Monate. Dafür gibt es flexible Gaskraftwerke, den europäischen Stromverbund und Langzeitspeicher. Ein SMR hilft frühestens Mitte der 2030er Jahre – bis dahin hat Deutschland laut Fraunhofer ISE über 100 GWh Speicherkapazität.
Einordnung: Phantomdebatte statt Energiepolitik
Mini-Atomreaktoren lösen kein einziges aktuelles Energieproblem:
- Zeitlich irrelevant: Kein westliches SMR hat den Bau begonnen. Frühestens Mitte der 2030er wäre ein Prototyp denkbar – zu spät für die Klimaziele 2030.
- Ökonomisch unsinnig: SMR-Strom kostet laut DIW vier- bis zehnmal so viel wie Solar. Jeder Euro in SMR-Subventionen fehlt bei sofort einsetzbaren Erneuerbaren.
- Technisch unbewiesen: Die Brennstoff-Lieferkette (HALEU) existiert kaum. Russland ist Hauptproduzent – strategisch inakzeptabel. Die versprochene Kostensenkung durch Serienproduktion setzt laut Bundesumweltministerium 3.000 Einheiten voraus – historisch nie annähernd erreicht.
- Politisch unglaubwürdig: Bayern blockiert Windkraft, lehnt Endlager ab, hat den Atomausstieg selbst mitbeschlossen – und fordert jetzt die Rückkehr.
Söders energiepolitische Biografie – vom Atomgegner mit Rücktrittsdrohung zum Atomlobbyisten, passend zum Wahlkampfkalender – untergräbt die Glaubwürdigkeit der Forderung. Die Energiewende passiert – nicht mit Mini-Reaktoren, sondern mit Solarmodulen auf deutschen Dächern, Batteriespeichern in ehemaligen AKW-Hallen und Windrädern, die in Bayern nach wie vor zu selten stehen.
Häufige Fragen zu Mini-Atomreaktoren (SMR)
Gibt es funktionierende Mini-Atomreaktoren? Weltweit sind zwei SMR-Projekte in Betrieb: Russlands schwimmende Akademik Lomonosov (Kapazitätsfaktor 28–32 %) und Chinas HTR-PM (13 Jahre Bauzeit, Leistung um 25 % reduziert). Beide liegen über 300 Prozent über den geplanten Kosten. Kein westliches SMR-Projekt hat den Bau begonnen.
Was kostet Strom aus Mini-Atomreaktoren? Laut DIW-Simulation 213–581 USD/MWh. Zum Vergleich: Solar-PV liegt bei 34–43 USD/MWh (IRENA 2024), Onshore-Wind bei 34–86 USD/MWh. SMR-Strom ist vier- bis zehnmal teurer als Erneuerbare.
Können Mini-Atomreaktoren Atommüll verwerten? Die von Söder propagierten Standard-SMRs sind für Transmutation nicht ausgelegt. Eine Stanford/UBC-Studie (PNAS, 2022) zeigt: SMRs produzieren zwei- bis dreißigmal mehr Atommüll als konventionelle Reaktoren. Transmutationstechnologie stuft das BASE als frühestens in vier bis fünf Jahrzehnten realistisch ein.
Wann wäre ein Mini-Atomreaktor in Deutschland betriebsbereit? Frühestens Mitte der 2030er Jahre – optimistisch. Kein SMR-Design hat eine EU-Baugenehmigung. Genehmigungsverfahren, Bau und Inbetriebnahme dauern mindestens 10–15 Jahre. Zum Vergleich: Solar- und Windkraftanlagen sind in zwei bis vier Jahren betriebsbereit.
Braucht Deutschland Atomkraft für die Grundlast? Seit dem Atomausstieg am 15. April 2023 gab es keinen einzigen Blackout. Erneuerbare deckten 2025 über 55 Prozent der Stromnachfrage. Dunkelflauten (über 48 Stunden) treten zwei- bis fünfmal pro Jahr auf und werden durch Gaskraftwerke, den europäischen Stromverbund und Batteriespeicher überbrückt.
Warum fordert Söder Mini-Atomreaktoren? Als bayerischer Umweltminister drängte Söder 2011 selbst auf den schnellen Atomausstieg. Ab 2022 forderte er die Rückkehr zur Kernkraft. Bayerns eigene Bilanz: Windkraft-Blockade durch 10H-Regel, Ablehnung eines Endlagers auf bayerischem Boden und keine konkreten Standortvorschläge für SMRs.
Quellen: Spiegel: Söder wirbt für Mini-AKW, EU-Kommission: SMR-Strategie, stern: Habeck nimmt Söder auseinander, IWR: NuScale lebt von Aktienverkäufen, WNISR: Darlington 20,9 Mrd. CAD, IEEFA: SMRs Too Expensive, Too Slow, Stanford/UBC: SMR Waste (PNAS), DIW Berlin: Kernkraftwerke entbehren ökonomischer Grundlagen, Lazard LCOE+ v18.0, RWE: Batteriespeicher Gundremmingen, BASE: Partitionierung und Transmutation, CORRECTIV: Gen IV macht Endlager nicht überflüssig, Solarserver: Dunkelflauten bleiben selten