Merit-Order-Effekt
Der Merit-Order-Effekt beschreibt den preissenkenden Einfluss von Wind- und Solarstrom auf den Großhandelsstrompreis. Weil erneuerbare Energien Grenzkosten nahe null haben, verdrängen sie teure Gaskraftwerke aus der Kraftwerks-Einsatzreihenfolge und drücken den Einheitspreis. Laut IWF senkt jeder zusätzliche Prozentpunkt Erneuerbare den Großhandelspreis im Schnitt um 0,6 Prozent.
Was ist der Merit-Order-Effekt?
Die Merit-Order ist die Einsatzreihenfolge aller verfügbaren Kraftwerke, sortiert nach aufsteigenden Grenzkosten – also den variablen Kosten für die Erzeugung der jeweils nächsten Kilowattstunde. Am Spotmarkt wird die Stromnachfrage stundenweise vom billigsten Kraftwerk aufwärts gedeckt. Das teuerste noch benötigte Kraftwerk, das Grenzkraftwerk, setzt den Einheitspreis für alle Erzeuger (Pay-as-Clear-Prinzip).
Der Merit-Order-Effekt beschreibt, was passiert, wenn Wind- und Solaranlagen mit Grenzkosten nahe null hinzukommen: Sie rücken an den Anfang der Reihenfolge und verdrängen teure fossile Kraftwerke. Das neue Grenzkraftwerk hat dann niedrigere Grenzkosten – der Börsenpreis sinkt. Der Effekt entlastet alle Stromverbraucher, die nahe am Großhandelsmarkt einkaufen.
Wie die Merit-Order funktioniert
Die Sortierung nach Grenzkosten bestimmt, welches Kraftwerk in einer Stunde den Preis macht. Photovoltaik und Wind verbrauchen keine Brennstoffe und stehen deshalb ganz vorn.
| Erzeugungsart | Typische Grenzkosten | Einsatzreihenfolge |
|---|---|---|
| Photovoltaik | nahe 0 €/MWh | zuerst |
| Wind (onshore/offshore) | nahe 0 €/MWh | zuerst |
| Braunkohle | 40–70 €/MWh | mittel |
| Steinkohle | 60–100 €/MWh | mittel |
| Erdgas | 80–200 €/MWh | typisch preissetzend |
| Öl, Gasturbinen | 200+ €/MWh | Spitzenlast |
Solange Erneuerbare und Grundlastkraftwerke die Nachfrage decken, bleibt der Börsenstrompreis niedrig. Muss zusätzlich Gasstrom zugeschaltet werden, springt der Preis auf das Niveau der Gasgrenzkosten. Jede Megawattstunde Solar- oder Windstrom senkt die Residuallast – also den Teil der Nachfrage, den konventionelle Kraftwerke noch decken müssen.
Quantifizierung des Effekts
Der Merit-Order-Effekt ist nicht nur Theorie, sondern empirisch breit belegt:
- IWF-Studie (Cevik 2022): Eine Panelanalyse von 24 europäischen Ländern (2014–2021) zeigt: Ein zusätzlicher Prozentpunkt erneuerbarer Stromerzeugung senkt den Großhandelspreis im Schnitt um 0,6 Prozent. Der Effekt ist nichtlinear – je höher der Erneuerbaren-Anteil bereits ist, desto stärker wirkt jeder weitere Prozentpunkt.
- Spanien (BBVA Research 2025): Der Anstieg des Erneuerbaren-Anteils von 45 auf 65 Prozent zwischen 2021 und 2024 drückte den spanischen Großhandelspreis um knapp 20 Prozent.
- Entkopplung vom Gaspreis (Ember 2025): In Spanien setzten fossile Kraftwerke 2019 noch in 75 Prozent der Stunden den Preis – 2025 nur noch in 19 Prozent.
Auch in Deutschland ist der Effekt sichtbar: Laut Fraunhofer ISE senkte allein die PV-Erzeugung den Großhandelspreis 2024 spürbar und entlastete Endverbraucher um mehrere Milliarden Euro (Stand 2024).
Grenzen: die Kannibalisierung
Derselbe Mechanismus, der Verbraucher entlastet, setzt die Erzeuger unter Druck. Photovoltaik speist gebündelt zur Mittagszeit ein – also genau dann, wenn der Merit-Order-Effekt den Preis am stärksten drückt. Dadurch sinkt der Marktwert Solar: Der durchschnittliche, mit der Einspeisung gewichtete Erlös je Kilowattstunde fällt schneller als der allgemeine Börsenpreis. Dieses Phänomen heißt Kannibalisierung oder Solar-Kannibalisierung.
Mit zunehmendem PV-Ausbau treten häufiger sehr niedrige oder sogar negative Strompreise auf. Für geförderte Anlagen federt die Marktprämie das Marktrisiko teilweise ab – fällt aber bei negativen Preisen weg. Branchenstudien rechnen damit, dass der Marktwert Solar in Deutschland bis Ende des Jahrzehnts weiter deutlich zurückgeht.
Bedeutung für PV-Betreiber
Für Betreiber bedeutet der Merit-Order-Effekt einen Zielkonflikt: Volkswirtschaftlich ist die Strompreissenkung erwünscht, betriebswirtschaftlich drückt sie die eigenen Erlöse.
- Eigenverbrauch wird wertvoller, weil er den vollen Haushaltsstrompreis ersetzt statt des sinkenden Marktwerts.
- Speicher verschieben Einspeisung aus der preisschwachen Mittagszeit in die teure Abendspitze.
- Ost-West-Ausrichtung und Verbrauchsflexibilität verringern die Abhängigkeit von der kannibalisierten Mittagsstunde.
Die niedrigen Stromgestehungskosten der Photovoltaik – ein direkter Grund für ihre Grenzkosten nahe null – bleiben der entscheidende Wettbewerbsvorteil. Der Merit-Order-Effekt zeigt aber: Mit steigendem Anteil verschiebt sich die Wirtschaftlichkeit von der reinen Einspeisung hin zu Eigenverbrauch, Speicherung und Flexibilität.
Häufige Fragen
Was ist der Merit-Order-Effekt?
Senkt mehr Photovoltaik die Strompreise?
Was ist die Strompreis-Kannibalisierung von Solar?
Quellen
- IWF Working Paper 2022/220 – Chasing the Sun and Catching the Wind (Cevik)
- Ember – Decoupled: How Spain cut the link between gas and power prices using renewables (2025)
- BBVA Research – Spain: More renewables to continue lowering costs (Februar 2025)
- Fraunhofer ISE – Aktuelle Fakten zur Photovoltaik in Deutschland
- Next Kraftwerke – Wissen: Merit-Order