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Wirtschaft Fortgeschritten

Börsenstrompreis (Spotmarkt)

Der Börsenstrompreis entsteht an der europäischen Strombörse EPEX Spot und bildet sich jede Stunde (bzw. im Viertelstunden-Handel) neu durch Angebot und Nachfrage. Seit dem starken Ausbau der Photovoltaik entsteht an sonnigen Mittagen eine ausgeprägte Preisdelle — der Börsenpreis fällt durch das hohe Solar-Angebot deutlich, gelegentlich sogar in den negativen Bereich.

Was ist der Börsenstrompreis?

Der Börsenstrompreis ist der an der europäischen Strombörse EPEX Spot gehandelte Preis für elektrische Energie. Strom wird dort in zwei Teilmärkten gehandelt:

  • Day-Ahead-Markt: Handel am Vortag für jede Stunde des Folgetages, zentrale Auktion um 12:00 Uhr
  • Intraday-Markt: Kontinuierlicher Handel für Viertelstunden des laufenden Tages bis wenige Minuten vor Lieferung

Der Day-Ahead-Preis ist die zentrale Referenz für fast alle Strommarkt-Akteure: Er bestimmt, was Versorger für die Beschaffung bezahlen, was Direktvermarkter für PV- und Windstrom erlösen und wie die EEG-Marktprämie berechnet wird.

Merit-Order und Preisbildung

Die Preisbildung folgt dem Merit-Order-Prinzip: Alle Erzeuger werden nach ihren Grenzkosten aufsteigend sortiert. Die Nachfrage wird stundenweise gedeckt, beginnend mit dem billigsten Kraftwerk. Der Preis des letzten, gerade noch benötigten Kraftwerks bestimmt den Einheitspreis für alle.

ErzeugungsartTypische GrenzkostenEinsatzreihenfolge
Photovoltaiknahe 0 €/MWhzuerst
Wind (onshore/offshore)nahe 0 €/MWhzuerst
Braunkohle40–70 €/MWhmittel
Steinkohle60–100 €/MWhmittel
Erdgas80–200 €/MWhtypisch preissetzend
Öl, Gasturbinen200+ €/MWhSpitzenlast

Solange die Nachfrage durch erneuerbare Energien und Grundlastkraftwerke gedeckt werden kann, bleibt der Preis niedrig. Muss zusätzlich Gasstrom hinzugeschaltet werden, steigt der Preis sprunghaft auf das Niveau der Gasgrenzkosten.

Die solare Mittagsdelle

Seit 2020 hat der massive PV-Ausbau in Deutschland das Tagesprofil des Börsenstrompreises grundlegend verändert. An sonnigen Tagen zeigt der Preis eine typische Form:

TageszeitTyp. Preisverlauf an Sonnentagen
00–06 UhrMittel (30–60 €/MWh), Grundlast
06–10 UhrSpitzen (80–150 €/MWh), Morgenbedarf
10–15 UhrTief (0–40 €/MWh), Mittagsdelle durch PV
15–19 UhrSteigend
19–22 UhrHoch (100–250 €/MWh), Abendspitze nach Sonnenuntergang
22–24 UhrFallend

Die Mittagsdelle wird mit wachsender PV-Leistung tiefer und länger. In Ferienwochen oder an sonnigen Frühlingstagen mit niedriger Industrieauslastung fällt der Preis regelmäßig auf null oder darunter.

Negative Strompreise

Negative Strompreise entstehen, wenn das Angebot die Nachfrage so stark übersteigt, dass Erzeuger Geld zahlen, um überhaupt einspeisen zu können. Das klingt widersinnig, hat aber rationale Gründe:

  • Abschaltkosten: Konventionelle Kraftwerke (Braunkohle, Kernkraft früher) können nicht kurzfristig abgeschaltet werden. An- und Abfahren kostet mehr als eine kurze negative Einspeisephase.
  • EEG-Förderung ohne Marktkopplung: Alt-Anlagen erhalten ihre Vergütung unabhängig vom Börsenpreis und speisen weiter ein.
  • Grenzüberschreitender Handel: Nachbarländer nehmen den Strom zu sehr niedrigen Preisen ab.

Die Zahl der negativen Stunden im deutschen Day-Ahead-Markt wächst kontinuierlich. 2020 waren es rund 300 Stunden im Jahr, in den letzten Jahren liegt die Zahl deutlich darüber — an einzelnen Tagen über zehn negative Stunden hintereinander.

Für PV-Anlagenbetreiber in der Direktvermarktung hat die EEG-Novelle 2023 die Regeln verschärft: Bei mehr als vier aufeinanderfolgenden Stunden mit negativem Börsenpreis entfällt die Marktprämie für neue Anlagen komplett. Das schafft einen direkten Anreiz, Speicher zu installieren oder die Einspeisung gezielt zu verlagern.

Monatliche Marktwerte für PV

Der Marktwert Solar ist der durchschnittliche Börsenstrompreis, gewichtet mit der tatsächlichen PV-Einspeisung. Er ist in der Regel niedriger als der Baseload-Preis (ungewichteter Durchschnitt), weil PV vor allem während der Mittagsdelle einspeist — also in Stunden mit niedrigeren Preisen.

Die Bundesnetzagentur veröffentlicht monatliche Marktwerte für Solar, Wind onshore und Wind offshore. Diese Werte sind die Basis für die EEG-Abrechnung in der Direktvermarktung: Die Differenz zwischen dem gesetzlichen „anzulegenden Wert” und dem monatlichen Marktwert wird als Marktprämie ausgezahlt.

Der Kannibalisierungseffekt — das Phänomen, dass PV durch ihre eigene Einspeisung den Marktwert Solar drückt — ist einer der zentralen ökonomischen Herausforderungen der Energiewende. Je mehr PV gebaut wird, desto geringer wird der Marktwert jeder einzelnen Kilowattstunde.

Auswirkungen auf PV-Geschäftsmodelle

Der Börsenstrompreis beeinflusst verschiedene PV-Geschäftsmodelle unterschiedlich:

GeschäftsmodellAbhängigkeit vom Börsenpreis
EEG-Einspeisevergütung (Altanlagen)Keine — fester Tarif
EEG-Ausschreibung (gleitende Prämie)Gering — Marktrisiko trägt Staat
Innovationsausschreibung (fixe Prämie)Hoch — Betreiber profitiert bei hohen Preisen
PPA (Fixpreis)Keine — vertraglich fixiert
PPA (Indexpreis)Mittel
Direktvermarktung ohne PrämieSehr hoch — voll am Markt
EigenverbrauchKeine — unabhängig
Dynamische StromtarifeHoch — Verbraucherseite

Für private PV-Betreiber mit dynamischen Stromtarifen ist der Börsenpreis ein direkter Taktgeber für das Energiemanagement: Wärmepumpe, Wallbox und Wäschetrockner laufen bevorzugt in Niedrigpreis-Stunden, also häufig während der Mittagsdelle.

Datenquellen

Für eine laufende Beobachtung der deutschen Börsenstrompreise stehen mehrere frei zugängliche Plattformen zur Verfügung:

  • SMARD (Bundesnetzagentur): offizielle Daten, stündliche Auflösung, historisch ab 2015
  • Energy Charts (Fraunhofer ISE): Visualisierungen mit Erzeugungsdaten und Preisen
  • EPEX Spot Website: aktuelle Spotpreise, historische Einträge
  • Electricity Maps: europäische Übersicht mit CO2-Intensität

Die Daten aus SMARD und Energy Charts sind auch die Basis für wissenschaftliche Analysen zur Mittagsdelle und für politische Debatten über die Zukunft der Strommarkt-Architektur.

Häufige Fragen

Wie entsteht der Börsenstrompreis?
Der Preis entsteht in der Day-Ahead-Auktion der EPEX Spot um 12:00 Uhr jedes Tages für den Folgetag. Stromerzeuger reichen Verkaufsgebote ein, Stromhändler und Versorger Kaufgebote. Die Auktion sortiert beide Seiten nach Preis und ermittelt für jede Stunde den Schnittpunkt — das ist der Einheitspreis, den alle Zuschlagserlöse erhalten (Merit-Order).
Was sind negative Strompreise?
Negative Strompreise entstehen, wenn das Stromangebot die Nachfrage deutlich übersteigt — typischerweise an sonnigen Wochenendtagen mit wenig Industrieverbrauch, gleichzeitig hoher PV- und Wind-Einspeisung. Erzeuger zahlen dann Geld, um ihren Strom loszuwerden. Für PV-Anlagenbetreiber in der Direktvermarktung entfällt während negativer Preise die Marktprämie, sodass die Einspeisung wirtschaftlich unattraktiv wird.
Was bedeutet die 'Mittagsdelle'?
Die Mittagsdelle beschreibt den Preisrückgang zwischen etwa 10:00 und 15:00 Uhr an sonnigen Tagen. Zu dieser Zeit speisen Millionen von PV-Anlagen gleichzeitig ein und drücken den Börsenpreis. Je stärker der PV-Ausbau, desto tiefer und breiter wird die Mittagsdelle — an Frühlings- und Sommertagen fällt der Preis oft auf unter 20 Euro pro Megawattstunde, während er am Abend auf 80 bis 120 Euro steigt.
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