Quartierstrom
Quartierstrom bezeichnet die gebäudeübergreifende Erzeugung und Nutzung von Solarstrom innerhalb eines zusammenhängenden Wohnquartiers oder Stadtteils. Anders als Nachbarschaftsstrom zwischen einzelnen Haushalten betrifft Quartierstrom mehrere Gebäude als koordinierte Einheit, meist ohne Nutzung des öffentlichen Netzes, und steht seit einem BGH-Urteil von Mai 2025 rechtlich teils auf unsicherem Grund.
Was ist Quartierstrom?
Quartierstrom bezeichnet die gemeinschaftliche Erzeugung und Nutzung von Solarstrom innerhalb eines Quartiers: einer zusammenhängenden Gruppe von Gebäuden, etwa einer Wohnsiedlung, einem Neubaugebiet oder einem sanierten Stadtteilareal. Anders als beim Eigenverbrauch innerhalb eines einzelnen Hauses werden dabei Photovoltaikanlagen auf mehreren Dächern kombiniert und der erzeugte Strom gebäudeübergreifend an alle angeschlossenen Wohn- oder Gewerbeeinheiten verteilt. Rechtlich stützt sich das klassische Quartierstrommodell auf § 21 Abs. 3 EEG, der seit der EEG-Novelle 2021 eine gebäudeübergreifende Mieterstromversorgung im Quartier erlaubt, solange der Strom nicht durch das öffentliche Netz fließt, sondern innerhalb einer gemeinsamen Kundenanlage verbleibt.
Abgrenzung: Haushalt, Quartier, Rechtsrahmen
Die Ebene, auf der Solarstrom geteilt wird, entscheidet maßgeblich über den anwendbaren Rechtsrahmen:
| Ebene | Beispiel-Konzept | Typischer Rechtsrahmen |
|---|---|---|
| Haushalt zu Haushalt | Nachbarschaftsstrom / Energy Sharing | § 42c EnWG, öffentliches Netz (ab 1. Juni 2026) |
| Einzelnes Gebäude | Mieterstrom / GGV | § 42a bzw. § 42b EnWG, kein öffentliches Netz |
| Quartier (mehrere zusammenhängende Gebäude) | Quartierstrom / gebäudeübergreifender Mieterstrom | § 21 Abs. 3 EEG, Kundenanlage ohne öffentliches Netz — seit BGH-Urteil vom 13. Mai 2025 in Teilen rechtlich unsicher |
| Stadtteil / ganzes Bilanzierungsgebiet | Energy Sharing in großem Maßstab | § 42c EnWG, öffentliches Netz |
Quartierstrom nimmt damit eine Zwischenstellung ein: räumlich größer als der klassische Nachbar-zu-Nachbar-Fall, aber rechtlich meist noch an das Konzept der Kundenanlage ohne öffentliches Netz gebunden statt an das netzbasierte Energy Sharing.
Pilotprojekte in Deutschland
Mehrere geförderte Modellprojekte erproben unterschiedliche technische und organisatorische Umsetzungen von Quartierstrom:
- WUNergy (Wunsiedel, Oberfranken): Die Stadtwerke Wunsiedel haben im Rahmen eines dena-begleiteten Pilotprojekts eine Energiegemeinschaft gegründet, in der Mitglieder selbst erzeugte Energie untereinander teilen und handeln können. Die Ergebnisse wurden in einem Praxisbericht dokumentiert.
- EMSiQ (Bochum): Die Ruhr-Universität Bochum und das Wohnungsunternehmen Vonovia entwickeln in einer Bochumer Wohnsiedlung aus den 1950er-Jahren ein sektorenübergreifendes Energiemanagement, bei dem Solarstrom vom Dach Wärmepumpen und lokale Speicher versorgt. Das Bundeswirtschaftsministerium fördert das Verbundprojekt im Rahmen des 8. Energieforschungsprogramms mit rund 2,9 Millionen Euro über vier Jahre.
- Energiezentrale der Zukunft: Ein von Fraunhofer FIT begleitetes Quartiersprojekt versorgt über eine zentrale Energiezentrale mit quartierseigenen PV-Anlagen 81 Wohneinheiten eines Teilquartiers mit Strom und Wärme.
Herausforderungen bei der Umsetzung
Quartierstrom-Projekte stehen vor mehreren praktischen und rechtlichen Hürden. Zentral ist die Frage der Rechtssicherheit: Das Kundenanlagenprivileg, auf dem viele Projekte aufbauen, wurde durch ein Urteil des Bundesgerichtshofs vom 13. Mai 2025 für größere, über mehrere Grundstücke verteilte Konstrukte infrage gestellt. Das Bündnis Bürgerenergie fordert deshalb in einem Positionspapier eine eigenständige gesetzliche Definition der „Quartiersversorgung” im EEG, angelehnt an das Gebäudeenergiegesetz, um Planungssicherheit für neue Projekte zu schaffen. Hinzu kommen technische Anforderungen wie virtuelle Summenzähler zur gebäudeübergreifenden Abrechnung, hoher Koordinationsaufwand zwischen mehreren Grundstückseigentümern und Wohnungsunternehmen sowie die Integration von Wärmepumpen und E-Mobilität in ein gemeinsames Energiemanagement. Ohne eine klare gesetzliche Grundlage bleibt Quartierstrom deshalb bislang eine Domäne geförderter Modellprojekte statt eines breit skalierbaren Standardmodells.
Häufige Fragen
Muss Quartierstrom über das öffentliche Netz fließen?
Warum ist die Rechtslage bei Quartierstrom seit 2025 unsicherer geworden?
Quellen
- metergrid – Ökologische Stadtentwicklung: Mieterstrom für Quartiere
- Gebäudeforum klimaneutral – Strom im Quartier: Lösungen für gemeinschaftliche Erzeugung und Nutzung
- Bündnis Bürgerenergie – Den Knoten lösen für mehr Photovoltaik-Dachanlagen in Wohngebäuden und Quartieren (Positionspapier)
- idw-online / Ruhr-Universität Bochum – Energie entsteht und bleibt im Quartier (Projekt EMSiQ)