Kannibalisierungseffekt
Der Kannibalisierungseffekt beschreibt, dass Solaranlagen alle gleichzeitig einspeisen und damit den Börsenpreis genau in ihren eigenen Erzeugungsstunden senken. Der Marktwert Solar sinkt dadurch schneller als der allgemeine Strompreis. Prognosen sehen den Marktwertfaktor bis 2030 zwischen 0,37 und 0,64.
Was ist der Kannibalisierungseffekt?
Alle Photovoltaikanlagen in Deutschland produzieren zur gleichen Zeit – bei Sonnenschein, mittags, im Sommer. Genau in diesen Stunden schiebt sich das große Solarangebot in die Merit-Order und verdrängt teure Kraftwerke. Der Börsenpreis fällt. Da PV-Anlagen ihren Strom aber ausschließlich in diesen Stunden verkaufen können, entwerten sie ihr eigenes Produkt. Fachsprachlich: Selbstkannibalisierung, im englischen Marktjargon cannibalisation.
Gemessen wird der Effekt über den Marktwertfaktor (auch Kapturrate oder Capture Rate):
Marktwertfaktor = Marktwert Solar ÷ durchschnittlicher Börsenstrompreis
Der Effekt in Zahlen
Der April 2026 illustriert die Mechanik: Der Marktwert Solar lag bei 1,317 ct/kWh, während der durchschnittliche Day-Ahead-Preis in Deutschland im ersten Halbjahr 2026 bei 99 EUR/MWh (9,9 ct/kWh) lag. In einem strahlungsreichen Frühlingsmonat mit geringer Nachfrage bleibt vom Marktdurchschnitt für Solarstrom fast nichts übrig.
| Zeitraum | Marktwert Solar |
|---|---|
| Jahr 2024 | 4,624 ct/kWh |
| Jahr 2025 | 4,508 ct/kWh |
| Juni 2025 | 1,843 ct/kWh |
| April 2026 | 1,317 ct/kWh |
| Juni 2026 | 6,190 ct/kWh |
Die zweite Spur des Effekts sind negative Strompreise. Die Zahl der Stunden mit negativen Day-Ahead-Preisen in Deutschland stieg von 301 (2023) über 457 (2024) auf 573 (2025); im ersten Halbjahr 2026 waren es bereits rund 298 bis 299.
Prognosen bis 2030
Die verfügbaren Studien kommen zu deutlich unterschiedlichen Ergebnissen. Das ist keine Schwäche der Modelle, sondern spiegelt echte Unsicherheit über Ausbautempo und Flexibilität wider.
| Quelle | Aussage für 2030 |
|---|---|
| EEG-Mittelfristprognose, IE Leipzig (Okt. 2025) – oberes Szenario | Marktwertfaktor 0,37 |
| EEG-Mittelfristprognose – Trendszenario | Marktwertfaktor 0,46 |
| EEG-Mittelfristprognose – unteres Szenario | Marktwertfaktor 0,63 |
| Ariadne / r2b (2024) | Marktwert 36 EUR/MWh bei 56 EUR/MWh Durchschnittspreis (Faktor 0,64) |
| EWI-Leitstudie für das BMWK | 36 EUR/MWh im Referenzfall, 42 EUR/MWh mit mehr Interkonnektoren |
| Aurora / Agora (2025) | Capture Price fester PV sinkt von 55 auf 48 EUR/MWh bei höherem EE-Ausbau |
Die Bandbreite von 0,37 bis 0,64 entspricht bei einem angenommenen Marktpreis von 60 EUR/MWh Erlösen zwischen etwa 2,2 und 3,8 ct/kWh. Wer heute für 2030 kalkuliert, sollte diese Spanne als Szenariorechnung abbilden, nicht einen Punktwert.
Der Unterschied zwischen den Szenarien liegt weniger an der Modellierung als an zwei Annahmen: wie schnell die installierte PV-Leistung wächst und wie schnell Flexibilität – Speicher, Elektroautos, Wärmepumpen, Elektrolyse – die Mittagsüberschüsse aufnimmt. Läuft der Zubau der Flexibilität dem Zubau der Erzeugung hinterher, landet man im unteren Bereich der Spanne.
Was den Effekt bremst
- Batteriespeicher verschieben Solarstrom in die Abendstunden und heben den Mittagspreis an.
- Elektroautos und Wärmepumpen verlagern Nachfrage in die Mittagszeit, insbesondere über dynamische Stromtarife.
- Ost-West-Ausrichtungen produzieren flacher über den Tag und erzielen typischerweise höhere Marktwertfaktoren als reine Südanlagen.
- Netzausbau und Interkonnektoren exportieren Überschüsse. Die EWI-Leitstudie beziffert den Effekt auf 6 EUR/MWh.
Konsequenz für Betreiber
Für Bestandsanlagen mit fester Einspeisevergütung ist der Effekt eine Rechengröße ohne unmittelbare Wirkung. Für alle Anlagen, die nach dem Regierungsentwurf des EEG 2027 künftig auf Markterlöse angewiesen wären, kehrt sich die Logik um: Nicht die maximale Jahreserzeugung entscheidet über die Rendite, sondern der Anteil, der selbst verbraucht oder zeitlich verschoben wird. Speicher, Ost-West-Belegung und ein hoher Eigenverbrauch sind die direkten Antworten auf die Kannibalisierung.